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Mittwoch, 4. Juni 2014

Es kann sein, dass ein fremder Mönch von weither kommt... (RB 61,1)

Wenn Benedikt in seiner Regel von fremden Mönchen spricht, geht es ihm um die Lebensweise im Sinne einer zu praktizierenden christlichen Form der Gastfreundschaft.1 Die mitunter daraus folgende Eingliederung Einzelner in den Konvent steht zunächst unter diesem Vorzeichen. Dass es sich dabei mehrheitlich wohl nicht um solche Fremdlinge handelte, bei denen es zu ernsthaften Sprachbarrieren gekommen wäre, erschließt sich daraus, dass in dem Kapitel auch auf Gespräche und Unterredungen verwiesen wird, in denen der fremde Mönch eine begründete Kritik äußern oder auf etwas aufmerksam machen konnte (RB 61,4). Bedingt durch Pilgerreisen und das unter asketischem Aspekt geübte Wandermönchtum sowie auch aus Gründen der Aus- und Weiterbildung in speziellen Fertigkeiten kam es zu vielfältigen Begegnungen mit Vertretern anderer Gemeinschaften und damit einem beständigen Austausch von Nachrichten, was die enge Verbundenheit der verschiedenen Klöster trotz der zurückgezogenen Lage ihrer Standorte unterstreicht. Nun hat es nicht nur große männliche Anachoreten und Seelenführer gegeben, sondern auch geistliche Mütter, deren Weisung und Rat gesucht und befolgt wurde2. Pilgerreisen frommer und abenteuerlustiger Frauen sind beschrieben3. Sehr wahrscheinlich hat es also auch ein monastisches Wandern von Frauen aus asketischem und missionarischem Antrieb gegeben. Hätte beispielsweise die heilige Walburga ihr Klosterleben ohne solchen Eifer nicht in ihrem Heimatland beendet? Ob und wie sich dieses Wandern weiblicher Ordensleute von der Praxis der Mönche unterschied, wie solche Ortsveränderungen durch männliche Verwandte eventuell vorbereitet, gesteuert und begleitet wurden, darüber könnte man sich sicher noch durch vertieftes Quellenstudium kundig machen und dabei einiges entdecken. Mir soll es hier eher um die Frage der verbalen Kommunikation fremder Religioser untereinander gehen, die bis ins Mittelalter hinein für die Klöster offenbar kein Problem darstellte.
Wenn sich spätestens seit der Frühen Neuzeit mit dem Rückgang lateinischer Sprachkenntnisse und der Etablierung der jeweiligen Landessprachen auch in der Schriftkultur die Möglichkeiten des gegenseitigen Verstehens für Menschen verschiedener Herkunft veränderten und ein Leben in strengster Klausur und Schweigen an einem ganz konkreten Ort ein zusätzliches, die Sprachkompetenz beeinflussendes Hindernis für Nonnen darstellte, so könnte es von Interesse sein, wie sich verbale Kommunikationsprobleme fremder Konventualinnen, welche beispielsweise durch Vertreibung und Auflösung ihrer eigenen Klöster in andere Gemeinschaften übertraten, auf das klösterliche Zusammenleben auswirkten. Hier denke ich vor allem an die französischen Konvente, die Aufnahme im deutschsprachigen Gebiet suchten. Einen anderen Blickwinkel auf die verflochtenen Beziehungen von Klöstern kann man bekommen, wenn man auf diejenigen Gemeinschaften im Osten schaut, die in einem mehrheitlich protestantisch gewordenen Umfeld dadurch den Fortbestand sicherten, dass sie Novizen aus entfernteren katholischen Regionen aufnahmen und sich im Rahmen der Möglichkeiten eines kontemplativen Klosters aus existenziellen Gründen ganz bewusst für eine  Art Offenheit (wie sie sich im Detail ausgewirkt haben mag, ist vorerst noch nicht eingehend erforscht) entschieden4.
In den biblischen Texten zum Pfingstfest ist von zwei Ereignissen, in denen Kommunikation wesentlich ist, die Rede: Beim Turmbau zu Babel (Gen 11, 1-9) wird deutlich, dass das gemeinsame, die menschliche Anmaßung illustrierende Bauvorhaben, mit der Verwirrung der Sprachen ein plötzliches Ende fand. Das Pfingstwunder, bei dem jeder die Apostel in seiner Sprache […] reden hörte (Apg 2, 6), bezog Menschen verschiedener Herkunftsländer in das Verstehen der Ereignisse ein, bewirkte also Gemeinschaft. Fachliche Kompetenz und gemeinsames Streben auf ein Ziel hin finden dort eine Grenze, wo sie / es sprachlich nicht vermittelt werden kann. Sprachbarrieren können damit elementare Hemmschuhe im Miteinander sein und sollten dadurch in gewisser Weise auch für Klöster historisch greifbar sein. Wie wirkten sie sich also in kontemplativen Gemeinschaften aus? In welcher Form nahm man darauf im Alltag Rücksicht, z.B. bei Ansprachen, Absprachen und der Erklärung von zu übertragenden Aufgaben? Wie geschah und geschieht Integration fremdsprachiger Mitglieder in klösterlichen Gemeinschaften in Deutschland? Gibt es Hinweise auf Veränderungen der Konvente durch die Öffnung für diese Menschen und ihre Traditionen? Gegenwärtig gibt es unter den Ordensleuten in deutschen Zisterzienserinnenkonventen Schwestern aus Ungarn, Österreich, Bolivien, Dänemark, Rumänien (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Wenn Kommunikation ein wesentlicher Aspekt gelebten Miteinanders ist, so könnte ein Blick auf die gegenseitige Anstrengung bei der Überwindung von Sprach- und Sozialisationsproblemen im weitesten Sinn einen wichtigen Hinweis auf den je zeitbedingten Umgang mit den eigenen nationalen und traditionalistischen Tendenzen geben.

1Ausführliches zum Kontext und den Hintergründen dieses Kapitels: Michaela PUZICHA, Kommentar zur Benediktusregel. Mit einer Einführung von Christian Schütz. Hg. Von der Salzburger Äbtekonferenz (St. Ottilien 2002) 515-522. Zum Aspekt der Kommunikation und Integration äußert sich im Kontext des Kapitels RB 61: Bruno FROMME, Der Liebe zu Christus nichts vorziehen. Anstöße aus der Regel des hl. Benedikt. Hg. Von der Säkularvereinigung Similitudo Dei (Großlittgen 2004) 332-334.
2Genannt seien hier beispielsweise die Frauen Synkletia und Theodora aus den Apophthegmata Patrum. Weitere Beispiele großer frühchristlicher monastisch lebender Frauengestalten finden sich in folgendem Werk: Sophronia FELDHOHN / Jakobus KAFFANKE, Sich täglich den Tod vor Augen halten. Sterbeberichte früher Mönche und Nonnen. (Weisungen der Väter 2, Beuron ²2010).
3Für die Zisterzienserinnengeschichte ist hier die von Thomas von Froidmont überlieferte Geschichte seiner Schwester Margareta von Beverly zu nennen. Edition: Paul Gerhard SCHMIDT,  ' Peregrinatio periculosa'. Thomas von Froidmont über die Jerusalemfahrten seiner Schwester Margareta.  In: Kontinuität und Wandel. Lateinische Poesie von Naevius bis Baudelaire. Franco Munari zum 65. Geburtstag. Hgg. von Ulrich Justus STACHE, Wolfgang MAAZ und Fritz WAGNER (Hildesheim 1986) 461 - 486. Jenseits der Zisterzienserinnengeschichte kann auch die von ihr selbst beschriebene Pilgerreise der Egeria über ein derartiges Unternehmen näher informieren, in deren Einleitung Georg Röwekamp noch weitere Namen pilgernder Frauen - hier des 4. und 5. Jahrhunderts - nennt: EGERIA, Itinerarium. Reisebericht. Lateinisch - Deutsch, übers. u. eingeleitet v. Georg RÖWEKAMP unter Mitarbeit v. Dietmar THÖNNES  (Fontes Christiani 20, Freiburg / Basel / Wien / Barcelona / Rom / New York 1995).
4Notiert z.B. jüngst für Neuzelle im Beitrag: Helmut FLACHENECKER, Kirchliche Raumordnung im Spannungsfeld zwischen Beharrung und Wandel. Die Apostolische Administratur des Bistums Meißen in den Lausitzen. In: Die Nieder- und Oberlausitz - Konturen einer Integrationslandschaft: Band III: Frühes 19. Jahrhundert, hgg. von Thomas BRECHENMACHER, Heinz-Dieter HEIMANN, Klaus NEITMANN (Berlin 2014) 55-70, hier 61.

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