Montag, 17. Februar 2014

Reichstagssitz und Krönungsassistenz


Zwei interessante Literaturangaben seien hier genannt, die ungewöhnliche Themengebiete für ein Frauenkloster betreffen. Zunächst eine Dissertation der Universität Innsbruck von 1978.[1] Der Autor, Dr. Otto Beck, hat sich der oberschwäbischen Reichsabtei Heggbach angenommen und führt dabei aus, auf welche Weise die Äbtissin ihr Recht der Präsenz bei Reichs- und Kreisversammlungen wahrnahm. Auf einer Kreisversammlung des Konstanzer Viertels des Schwäbischen Kreises nahmen die Äbtissinnen von Heggbach, Gutenzell, Rottenmünster und Baindt teil (S. 277). Dieses Privileg des Sitz- und Stimmrechts für Heggbach wurde wahrscheinlich im späten 15. Jahrhundert gewährt (S. 276) und ist vor allem im 17. und 18. Jahrhundert in den daraus resultierenden Verpflichtungen (z.B. auch militärischen) greifbar. Frauenklöster waren also im weltlichen Bereich auf Reichsebene präsent.
Ein zweiter Literaturhinweis, der jedoch seine Quelle nicht preisgibt, stammt vom Benediktinerpater Blasius Huemer, der in seinem Verzeichnis der Zisterzienserinnenklöster folgendes zum böhmischen Kloster Frauental / Pohled wiedergibt[2]: Die Aebtissin hatte das Recht, mit dem Erzbischof von Prag die Königin zu krönen. Normalerweise handelt es sich bei derartigen Werken um sehr sorgfältige Materialzusammenstellungen, was nicht heißen will, dass es unbedingt auch stimmen muss. Eine moderne Bearbeitung dieser Frauenzisterze ist mir nicht bekannt. Dieses Kloster war für den überwiegenden Teil seiner Existenz wohl ein sehr armes Kloster, sodass ein solches Privileg sehr überrascht. 
Übrigens wurden beide Autoren und Sachverhalte auch in einem neueren Werk über "Herrschaft und Frömmigkeit" erwähnt.[3] Darüber hinaus zitiert diese Autorin dort (S. 43) auch Edith Ennen mit folgendem Satz: Seit dem Wormser Konkordat 1122 galten die Reichsbischöfe, Reichsäbte und Reichsäbtissinnen als Lehnsträger des Reiches, sie waren ohne Rücksicht auf ihren geistlichen Stand und ihr Geschlecht lehnsfähig.[4]



[1] Otto BECK, Die Reichsabtei Heggbach. Kloster – Konvent – Ordensleben. Ein Beitrag zur Geschichte der Zisterzienserinnen. (Dissertation der Theologischen Fakultät der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck 1978, Sigmaringen 1980) 274 – 277.
[2] Blasius HUEMER, Verzeichnis der deutschen Cisterzienserinnenklöster. Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Beneditkinerordens und seiner Zweige (1916) Heft I/II, 13.
[3] Friedericke WARNATSCH-GLEICH, Herrschaft und Frömmigkeit. Zisterzienserinnen im Hochmittelalter, (Studien zur Geschichte, Kunst und Kultur der Zisterezienser 21, Berlin 2005) 14, 43.
[4] Edith ENNEN, Frauen im Mittelalter, (München 1984)133, zitiert nach Warnatsch-Gleich.

Kommentare:

  1. Zur Information betreffs der Äbtissin von Pohled, die "das Recht hatte, mit dem Erzbischof von Prag die Königin zu krönen":
    Ich vermute, dass er sich auf die Chronik von Frauenthal von Feyfar, 1876 bezieht.
    Er spricht dort nur von einer Äbtissin von Frauenthal, weil diese Äbtissin Juditha von Eibenstal (12. Äbtissin von Frauenthal) "als Fürst-Äbtissin in das uralte und königliche Jungfrauenstift zu Stc. Georg ob dem Prager Schlosse berufen wurde." (S. 37) Die Äbtissinnen von St. Georg in Prag hatten fürstlichen Rang und Titel und ihnen stand das Recht zu, die Königinen von Böhmen zu krönen - so zumindest die Anmerkung 1) von Feyfar auf S. 38. Er verweist zudem auf Palacký. Geschichte. Teil 1, Band 2 S. 355. Vielleicht ist Ihnen dieser Hinweis eine Hilfe.

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  2. Dankeschön für diesen wirklich sehr interessanten Hinweis. Ich werde diese Spur bei Gelegenheit verfolgen. Vieleicht ermutigt er auch andere in diesem Bereich zu forschen.

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