Donnerstag, 20. Februar 2014

Von Schreiberin zum Leserkreis - Begabung und gesundheitliche Eignung

In ihrem persönlichen Vorwort, das an Leser und Leserinnen (!) außerhalb des Klosters gerichtet ist, bittet die im 13. Jahrhundert lebende Nonne Hiltgart von Hürnheim mit den folgenden Worten inständig um Glaubwürdigkeit:

Ich pit euch leser und leserinne
Das ir geleubig seit meinem krancken sinne...[1]

Dass eine verfasste Schrift, in diesem Fall eine lateinisch - mittelhochdeutsche Übersetzung, für zuverlässig gehalten wurde, war von hoher Bedeutung für die Rezeption dieses Werkes und damit nicht nur Demutsfloskel, sondern eine realitätsnahe echte Sorge für eine Autorin. Ihr "schwacher Geist", d.h. der bewusste Hinweis auf die Grenzen ihrer Fähigkeiten und Begabung sollten die Möglichkeiten besserer Übersetzungen einräumen und dem eventuellen Kritiker, der Kritikerin, Verständnis abnötigen. Im Falle einer Übersetzung konnte zur Prüfung der Glaubwürdigkeit vom engagierten Leser ja auch noch der Originaltext hinzugezogen werden. 
Doch was ist mit anderen Werken hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit, wenn ein krancker Sinn nicht sicher ausgeschlossen werden kann? Gerade im narrativen Bereich ist es doch aus heutiger Perspektive mitunter ohnehin sehr schwierig einzuschätzen, ob geschilderte Handlungsabläufe der Realität entsprachen oder der Phantasie der Schreiberin, des Schreibers, entsprangen, vor allem dann, wenn Vergleichsmaterial fehlt. Die Kenntnis über die Persönlichkeit einer Verfasserin, eines Verfassers, gehört in der Forschung daher schon lange zum Standard, wie auch die Klärung der Motivation einer Schrift. Dabei kann die Frage von Krankheit oder Gesundheit sicher nur bedingt ausgeklammert werden. Denn es sind, wenn es um das Erfassen von Alltagssituationen früherer Zeiten geht, bezüglich dieser Einflussgröße zumindest all diejenigen Situationen einer besonderen Prüfung zu unterziehen, die Abfolgen von Handlungen und deren Interpretation durch die Autorin, den Autor, betreffen, während Bezeichnungen damals sicher dem allgemein gängigen Gebrauch entsprachen. Zwar gibt es doch reiche medizinhistorische Literatur über Erkrankungen und deren Beschreibung in Werken. Zur Frage der Verwertbarkeit konkreter historischer Inhalte aus der Feder kranker Personen besteht gerade im Hinblick auf das Alltagsgeschehen jedoch sicher noch Forschungsbedarf.

[1] Reinhold MÖLLER (Hg.) Hiltgart von Hürnheim. Mittelhochdeutsche Übersetzung des "Secretum Secretorum", (Deutsche Texte des Mittelalters 56, Berlin 1963) 4.

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