Samstag, 2. November 2013

Der Tod als Pforte zum himmlischen Brautgemach



In ihrer siebten Übung "Wiedergutmachung der Sünden und Vorbereitung auf den Tod" sagt Gertrud von Helfta:

Wenn du feierlich begehst, dass dir alles wieder gutgemacht wird, so wie zuvor gesagt, dann bete am selben Tag zur Mittagszeit zum Herrn, dass er dich hineinführe in den Lustgarten seines göttlichen Herzens, dass du  dich dort siebenmal wäschst im Jordan der Verdienste seines Lebens und Leidens. Gänzlich gereinigt von jedem Makel, sollst du dann an dem Tage, der dein irdisches Dasein abschließt, in voller Schönheit hineingeführt werden in das Brautgemach seiner göttlichen Liebe.[1].

Auch wenn hier nicht explizit erwähnt, so kommt man doch weder in den Lustgarten, noch ins Brautgemach, ohne eine Pforte zu passieren. Der Gedanke des Hineingeführt-werdens, der Wunsch, diese letzte Tür zu passieren, hat gerade die romanischen Portale von Kirchen und besonderen Räumen zu Werbeflächen endzeitlicher Hoffnung werden lassen. So verwundert es nicht, dass über den Kirchtüren oft apokalyptische Motive dargestellt wurden. Christus als Weltenrichter schmückt in seiner Majestät die Westfassaden vieler benediktinischer Klosterkirchen. Er ist der, der hineinführt in den paradiesischen Raum, der im genannten Text der Helftaer Zisterzienserin als Lustgarten und Brautgemach beschrieben wird. Er, Christus, hat nicht nur den Schlüssel, er selbst ist die Tür und der Begleiter durch die Tür.[2] Und in dieser Rolle übersetzt der Werkmeister an den Portalen der Kirchen, die überirdische Hoffnung in seiner Bedeutung für den irdischen Lebensvollzug eines gläubigen Christen. Die zisterziensischen Portale sind naturgemäß schlichter als die der benediktinischen Geschwister und bisher in ihrer Gestaltung nur in Einzelfällen beschrieben und untersucht. Noch weniger ist bekannt, wie die frühen Zisterzienserinnen ihren oben beschriebenen Lebensinhalt sichtbar machten. Doch auch sie haben ihrer Gedankenwelt Ausdruck verliehen. Die vielfach vorherrschende These, dass ein weltlicher Bauherr oder ein männlicher Vertreter des Ordens für die gesamte architektonische und plastische Gestaltung eines Frauenklosters verantwortlich gewesen wäre, lässt sich nur allzu leicht betonen, wenn man dabei übergehen möchte, dass es flächendeckende Untersuchungen und Monographien für viele Klosterbereiche - wie beispielsweise auch im Falle einer Tympanongestaltung - bisher noch gar nicht gibt.[3]

Über dem Portal der Wechterswinkler Kirche befindet sich unter einem fünffach abgestuften Schachbrettgesimsband eine Kreuzigungsdarstellung[4], die Christus in der für die Romanik typischen Siegerhaltung zeigt. Ein einfaches breites lateinisches Kreuz deutet das Geschehen an. Die Figur steht souverän und mit majestätisch ausgebreiteten Armen auf einem waagerechten, nach unten abgeschrägten Suppedaneum. Sie hat schulterlange, gescheitelte Haare und einen Bart, der das Gesicht nur an der seitlichen Kante des Unterkieferknochens bis zum Kinn umspielt. Das Gesicht ist glatt und ebenmäßig gearbeitet. Der Blick geht in die Weite und leicht nach oben. Die Mundwinkel zeigen nach unten,wirken aber eher konzentriert als grimmig. Die Gestalt trägt ein knielanges, mit einem Band verknotetes Lendentuch, dessen unterer Rand verdoppelt ist, wodurch es kostbar wirkt. In der Mitte der Hände und Füße (hier nicht mehr ganz so deutlich) ist jeweils der Nagel zu sehen. Die Seitenwunde befindet sich auf der rechten unteren Hälfte des Brustkorbs fast im Leberbett. Sowohl rechts als auch links des Gekreuzigten ist mit einem kleinen Abstand je ein weiteres Kreuz zu sehen, rechts ein sogenanntes Krukenkreuz, links ein lateinisches Kreuz, unter dessen Querbalken jeweils rechts und links ein weiteres kleines lateinisches Kreuz angebracht ist. Die unterschiedliche Darstellung der Kreuze rechts und links der Christusfigur, wovon dasjenige zu seiner Rechten festlicher wirkt, scheint den Betrachter in eine Begebenheit der Ereignisse von Golgotha hineinzuziehen und auf die Bitte des Schächers in Lk 23,42 und möglicherweise symbolisch auf den Ort Jerusalem hinzuweisen. Das große lateinische Kreuz auf der linken Seite deutet dann vielleicht nicht nur die Haltung des anderen Schächers an, durch die Verdreifachung dieses Kreuzes bekommt diese Darstellung das Aussehen eines christlichen Friedhofs. Das himmlische Jerusalem rechts wird dem Ort des Todes links gegenübergestellt. Die Hoffnung gebende Schlüsselfigur ist Christus und sein rettendes Wort: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein (Lk 23, 43).

Umkehr im letzten Augenblick, so will es das Portal wohl ausdrücken, ist möglich. Sie verheißt das Paradies, die himmlische Stadt Jerusalem. Der Moment dieser Verheißung ist der irdische Tod. Das theologische Programm dieser Klosterpforte aus der Kreuzzugszeit könnte nicht treffender ausdrücken, zu welchem Zweck sich die Nonnen dort versammeln und zu welchem erhabenen Ziel sie aufbrechen. Beschreibt doch auch Bernhard von Clairvaux in einem seiner Briefe über einen Jerusalempilger den Weg ins Kloster als Abkürzung zu diesem Ziel.[5] Der Tod an dieser Pforte ist dann die sogenannte Weltverachtung, die Absage an die Güter und Annehmlichkeiten der Welt. So ist der Tod auch in dieser Blickrichtung letztendlich nicht freudloses Dasein, sondern eine notwendige Investition für himmlischen Lohn. Ziel und Inhalt war also nicht der dazu notwendige Verzicht, die Aufgabe einer statuskonformen Lebensweise. Ein Wohnen in der heiligen Stadt Jerusalem im Palast des Königs als dessen Braut und Königin war das Motiv des monastischen Lebens dieser Frauen. Und was kann dies dann konsequenterweise besser vorwegnehmen als ein einer Vermählung gleichender Ritus in der Profess, wo die Schwester mit Krone, Schleier und Ring ausgestattet wurde. Diese Hochzeitsfeier fand im Kapitelsaal statt, der dann folgerichtig im späteren Bildprogramm seiner Wandgestaltung die Krönung Mariens durch Christus als Zukunftsvision für jede Nonne haben konnte, eine Darstellung mit der sie sich selbst identifizieren konnte. Leider hat sich ein solcher Saal in diesem Kloster nicht erhalten.

Wandmalerei in der Zisterzienserinnenabtei Seligenthal





[1] GERTRUD VON HELFTA, Exercitia spiritualia. Geistliche Übungen. Lateinisch - Deutsch, hg. von Siegfried Ringler, (Elberfeld 2001) S. 245, Zeile 590ff.
[2] Vgl. Joh 10,9. Über die Symbolik der Kirchtür siehe auch: M.M. DAVY, Initiation à la symbolique romane (XIIe siècle), Flammarion 1977, Reprint Manchecourt 2001) S. 200-202.
[3] Das dabei ins Feld geführte Argument ist die strenge Klausur, womit offensichtlich klar wird, dass es nur für  Klöster ab dem 2. Drittel des 13. Jahrhunderts gelten dürfte, und auch dies wäre erst noch in den entsprechenden Einzelfällen zu beweisen. Zu den Tympana der Männerklöster erschien: Fritz ARENS, Die Türstürze und Tympana über Portalen der Zisterzienser und Prämonstratenser, in: Mélanges à la memoire du Père Anselme Dimier (III Architecture Cistercienne, Bd. 5, Arbois 1982) S. 17 - 34.
[4] Zur Beschreibung des Portals vgl. auch Karl GRÖBER, Die Kunstdenkmäler von Unterfranken & Aschaffenburg, Bd. 21: Bezirksamt Mellrichstadt, (München 1921) S. 154f.
[5] BERNHARD VON CLAIRVAUX, Brief Nr. 64 an Bischof Alexander von Lincoln: 1. Philippus vester, volens proficisci Jerosolymam, compendium viae invenit, et cito pervenit quo volebat. Transfretavit in brevi hoc mare magnum et spatiosum, et prospere navigans attigit jam littus optatum, atque ad portum tandem salutis applicuit. Stantes sunt jam pedes ejus in atriis Jerusalem; et quem audierat in Ephrata, inventum in campis silvae libenter adorat in loco ubi steterunt pedes ejus. Ingressus est sanctam civitatem, sortitus est cum illis haereditatem, quibus merito dicitur: Jam non estis hospites et advenae, sed estis cives sanctorum et domestici Dei (Eph 2,19). Cum quibus intrans et exiens, tanquam unus e sanctis, gloriatur et ipse cum caeteris, dicens: Conversatio nostra in coelis est (Phil 3,20). Factus est ergo non curiosus tantum spectator, sed et devotus habitator, et civis conscriptus Jerusalem, non autem terrenae hujus, cui Arabiae mons Sina conjunctus est, quae servit cum filiis suis; sed liberae illius, quae est sursum mater nostra (Gal 4, 25.26). 2. Et, si vultis scire, Clara-Vallis est. PL 169 BC

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