Sonntag, 3. November 2013

Das zisterziensische Tympanonprogramm der Frauenklöster - Teil II



Es ist - zugegeben - gar nicht so leicht, romanische Tympana an deutschen Zisterzienserinnenkirchen zu finden, da die meisten dieser Klöster erst dann entstanden sind, als man schon gotisch baute. Die älteren Kirchen, bei denen man romanische Kunst erwarten würde, haben im Lauf der Zeit Phasen von Modernisierungen und Umbau erfahren, und dies nicht nur in der Klosterzeit, sondern auch oft genug sehr tiefgreifend danach. Manchmal stehen die Reste solcher einladenden Türdekorationen heute isoliert von ihrem Bauwerk in Museen.

Ein solches Tympanonfragment vom Portal der Klosterkirche zu Ichtershausen (*1147) befindet sich  beispielsweise im Gothaer Schlossmuseum.[1] Es ist im Kontext einer Fragestellung nach dem sichtbaren Ausdruck gelebter Spiritualität vielleicht eher verzichtbar, da es mehr eine Selbstdarstellung der Stifter beinhaltet, doch sei es hier kurz beschrieben. Eine gezielte Wirkung hat ja nicht nur die eigentliche Darstellung, das dort Präsentierte wirkt im Kontext der erfahrbaren Wirklichkeit, also der Wahrnehmung des Ortes mit seinen Bewohnern und durch sie: In der Mitte über dem heute leeren Portal stand wohl einst der stiftende Erzbischof Heinrich I. Felix von Harburg und links von ihm die Gründerin Frideruna von Grumbach. Rechts zeigen sich nur noch die Finger einer Hand. Der Rest der zerbrochenen Platte fehlt. Im Zusammenspiel der beiden noch sichtbaren Figuren ist jedoch anzunehmen, dass die rechts fehlende Figur der Sohn der Stifterin, Marcward von Grumbach, ist.[2] Interessant ist vielleicht die Seitenverteilung, wenn man davon ausgeht, dass der Erzbischof sich in seiner Rolle als Stellvertreter Christi positioniert. Denn zur Rechten steht - so ist es jedenfalls zu vermuten - der Mann und links die Frau - die klassische Rollenzuweisung der Geschlechter nach gut und böse. Da mag dann auch gleich der Sündenfall innerlich präsent werden, der ja ganz gut in die Thematik einer Tympanonszene passt. Denn die Grundaussage, so unterschiedlich sie inszeniert wird, bleibt gleich: Im Zentrum steht ein christliches Symbol für das Leben, in diesem Fall ein Erzbischof, der als Vertreter Christi hier die Kirche in ihrer Aufgabe, die Menschen zum ewigen Heil zu führen, darstellt. Der linke Bereich ist in den Gerichtsszenen immer dem Schlechten und sonst wenigstens dem Schlechteren oder der Person niederen Ranges zugeordnet.[3] In reinen Naturszenen kann man links die Schlange finden, rechts den Löwen.[4] Die Frau ist also das "Schlechtere", das "schwächere Geschlecht". Und doch waren es Frauen, zisterziensische Frauen, die in ihrer monastischen Daseinsweise manchen Ordensmännern beeindruckende Worte abrangen: Omnia vincit amor sanctus[5], muss anerkennend der Zisterzienser Idung von Prüfening eingestehen, als ihm der Cluniazenser sein Erstaunen kundtut, dass auch die Frauen ein solch rauhes (d.h. zisterziensisches) Leben wählten.

Die Deutung eines solchen Bildprogramms des Ichtershäuser Tympanons muss zwangsläufig immer subjektiv bleiben, doch könnte hier ein Aufruf zur Treue gegenüber Bischof und Kirche mit Hinweis auf das zu verlierende Heil vorliegen. Denn in der Gründungszeit dieses Klosters, um die Mitte des 12. Jahrhunderts, während der Regierungszeit des Papstes Eugen III., bemühten sich viele zisterziensische Klöster bereits um die Exemtion von bischöflicher Gewalt. Genau diese dort in dieser Weise zu präsentieren, musste eine nicht zu übersehende Botschaft gewesen sein.[6] Die vorbildliche monastische Observanz, mit der in diesem neuen Frauenkloster zu rechnen war, stellte also vielleicht eine zielgerichtete Herausforderung für die Männerklöster dar und zielte auf deren Gewissen in puncto Gehorsam gegenüber dem Erzbischof.[7] So gesehen, enthielt es sogar noch eine dezente Demütigung für die Ordensmänner, wenn die Frauen diesbezüglich "folgsamer" waren. Aus der Sicht des Erzbischofs wäre eine solche Aussage sogar ein verstecktes Lob für die Frauen. Dass diese Zisterzienserinnen dort rasch einen ehrbaren Ruf erlangten, beweist schon die Tatsache, dass in diesem Haus die entscheidende "Wahlsitzung" des Staufers Philipp von Schwaben im Frühjahr 1198 stattfand, der nachfolgend in Mühlhausen zum deutschen König gewählt wurde.[8]

[1] Eine Beschreibung und zeitliche Einordnung (um 1150) mit einer anderen Deutung gibt: Edith NEUBAUER (Bearb.), Die romanischen skulptierten Bogenfelder in Sachsen und Thüringen, (Corpus der romanischen Kunst im sächsisch – thüringischen Gebiet B1, Berlin 1972) S. 128f mit Abb. Nr. 86.
[2] Die ausführliche Personenbeschreibung, vor allem der abgebildeten Frau und eine Abbildung des Fragments finden sich bei NEUBAUER (wie Anm. 1). Die Identifiezierung der Frau als Äbtissin ist allerdings sehr gewagt, wenn man ihrer Deskription (perlenbesticktes Gewand) folgt. Hier möglicherweise ist einmal bildlich dargestellt, wie man sich eine als matrona bezeichnete Frau vorzustellen hat, vgl. dazu Hedwig RÖCKELEIN, Matrona. Zur sozialen, ökonomischen und religiösen Stellung einer Gruppe von Laienfrauen im Frühmittelalter, in: Geschichtsvorstellungen: Bilder, Texte und Begriffe aus dem Mittelalter; Festschrift für Hans-Werner Goetz zum 65. Geburtstag, hg. von Steffen PATZOLD, Anja RATHMANN-LUTZ und Volker SCIOR (Köln u.a. 2012) S. 277-298. Da der abgebildete Bischof auf dem Fragment ein Pallium trägt, muss er Erzbischof sein (Ausnahme Bamberg). Sowohl die durch Konrad III. ausgestellte königliche, als auch die erzbischöfliche Gründungsurkunde sind noch vorhanden, sodass die namentliche Identifizierung der Stifter sowie zeitliche und kontextbezogene Zusammenhänge daraus erschließbar sind. Orig. Thüringisches Staatsarchiv Gotha, Geheimes Archiv, QQ lf. Nr. 1 und 2.
[3] Vgl. zur Seitenverteilung: Ingeborg TETZLAFF, Romanische Kapitelle in Frankreich. Löwe und Schlange, Sirene und Engel, (Köln 71992) 32.
[4] Ein solches Portal mit Pflanzen- und Tiermotiven kann man beispielsweise an der Klosterkirche von Münchenlohra in Thüringen bestaunen, die um 1170 erbaut wurde. Neubauer (wie Anm. 1) beschreibt sie unter dem Ortsnamen Großlohra S. 102, Abb. 55 u. 56.
[5] R[obert] B[urchard] C. HUYGENS, Le moine Idung et ses deux ouvrages: Argumentum super quatuor questionibus et Dialogus duorum monachorum, (Spoleto 1980) 165, Zeile 392 – 394.
[6] In verschiedenen Biographien wird immer wieder betont, dass sich Erzbischof Heinrich sehr für Kirchen und Klöster einsetzte, aber auch mit leidenschaftlicher Energie für seine Rechte als Mainzer Metropolit stritt. Stellvertretend zu den online verfügbaren Biographien von ADB und NDB sei hier eine schon sehr alte Dissertation genannt: Wilhelm STOEWER, Heinrich I., Erzbischof von Mainz (1142 – 1153), Dissertation, (Greifswald 1880).
[7] Dass gerade der Erzbischof darüber hinaus seine Rechte auch in territorialpolitischer Hinsicht gewahrt sehen wollte und gerade Ichtershausen ein ihm in diesem Zusammenhang sehr bedeutsamer Ort war, zeigt die ausführliche Gründungsurkunde, die er zusätzlich zu derjenigen des Königs, die er in ihrer textlichen Abfassung persönlich verantwortet hatte, ausstellte. Zu dieser Interessenkreuzung vgl. Karl-Heinz ULLRICH, Die Einleitungsformeln (Arengen) in den Urkunden des Erzbischofs Heinrich I. (1142 – 1153), Dissertation, (Marburg 1961) S. 13 – 15. Zudem betonte Erzbischof Heinrich I. von Mainz in ganz besonderer und im Vergleich zu anderen Bischöfen seiner Zeit außerordentlicher Weise die göttliche Verleihung des bischöflichen Amtes und kennzeichnete seine bischöfliche Rolle in einer 1147 verfassten Urkunde (Disibodenberg / Mariengreden Mainz) als die des Stellvertreters Christi, vgl. ULLRICH, ebd. S. 28 – 32 und 48f, was zeitlich sehr gut in die Entstehungszeit dieses Tympanonreliefs passt.
[8] Zur Königswahl von 1198 und den Vorgängen des Thronstreits siehe z.B.: Peter CSENDES (Hg.), Philipp von Schwaben - Ein Staufer im Kampf um die Königsherrschaft, (Schriften zur staufischen Geschichte und Kunst 27, Göppingen 2008) oder Philipp von Schwaben: Beiträge der internationalen Tagung anlässlich seines 800. Todestages, Wien, 29. bis 30. Mai 2008, hgg. von Andrea RZIHACEK, Renate SPREITZER (Denkschriften. Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse 399 / Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 19, Wien 2010).

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